Zum Inhalt springen
Teil 5 · Dynamiken von Gewalt und FriedenKapitel 5.2.5nur auf Deutsch

Kollektives Gedächtnis und Identität

Carmen Lienen, Christopher Cohrs

Zusammenfassung

Wieso ist es für die Gegenwart und insbesondere für gegenwärtige Konflikte wichtig, wie wir unsere Geschichte erinnern? Die Erinnerungskultur einer Gruppe prägt ihr Selbstverständnis, ihre soziale Identität, und beeinflusst damit, wie Menschen auf gegenwärtige Herausforderungen oder Bedrohungen reagieren und ob diese Reaktionen Gewalt oder Frieden begünstigen. Wie vergangene Konflikte innerhalb und zwischen Konfliktparteien bewältigt werden, hat einen großen Einfluss auf die Versöhnung zwischen diesen Parteien. Häufig werden während eines Konfliktes Narrative über die andere Partei verbreitet, die auch nach einem offiziellen Ende des Konfliktes in Vorurteilen und Diskriminierung fortbestehen, wenn keine Aufarbeitung erfolgt. Auch zukünftige Gewalt in anderen Kontexten oder gegen andere, neue Konfliktparteien kann durch (fehlende) Aufarbeitungsprozesse verhindert oder gefördert werden. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stößt jedoch auf verschiedene psychologische Barrieren, da Menschen danach streben, ein positives und moralisches Bild ihrer Gruppe aufrechtzuerhalten. Bezogen auf die kollektive Erzählung ihrer Geschichte hat dies häufig zur Folge, dass negative Handlungen der Eigengruppe nicht konstruktiv behandelt werden oder es zu einem Wettbewerb von Opfernarrativen kommt. In diesem Kapitel beschäftigen wir uns aus sozialpsychologischer Sicht damit, wie Repräsentationen von Geschichte mit den Identitätsbedürfnissen einer Gruppe in der Gegenwart zusammenhängen, wie Konflikte aus Täter_innen- und Opferperspektive erinnert werden und schließlich, wie Geschichte produktiv erinnert und Frieden gefördert werden kann.

Schlüsselwörter

Über die Autor*innen

Carmen Lienen

Carmen Lienen

Carmen Lienen (Dr. rer. nat., Philipps-Universität Marburg, 2023) erforscht als Sozialpsychologin soziale Repräsentationen von Geschichte und wie diese kollektive Identitäten, politische Handlungen und Intergruppenbeziehungen in der Gegenwart beeinflussen. Weitere Forschungsbereiche sind sozialpsychologische Aspekte von Migration und Ungleichheit. Sie hält einen Masterabschluss in Social and Cultural

Psychology von der London School of Economics and Political Science (2017) und einen Bachelor in Psychologie von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (2016).

Christopher Cohrs

Christopher Cohrs

Prof. Dr. Christopher Cohrs (Promotion 2004 zum Thema “Von konstruktiven Patrioten und schwarzen Schafen: Nationale Identifikation und Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit”, Universität Bielefeld) ist seit 2017 Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Zuvor war er Assistant Professor an der Jacobs University Bremen und Lecturer an der Queen’s University Belfast, Nordirland. Vorsitzender des Forums Friedenspsychologie von 2013 bis 2021. Gründungsherausgeber der internationalen Open-Access-Zeitschrift Journal of Social and Political Psychology. Gewinner des Peace Psychology Early Career Award der Society for the Study of Peace, Conflict, and Violence – Peace Psychology Division (Division 48) der American Psychological Association im Jahr 2007. Seine Forschungsinteressen beziehen sich u.a. auf Vorurteile, Konflikte zwischen Gruppen und deren soziale Repräsentationen, politische Einstellungen, Einstellungen gegenüber Krieg und in jüngerer Zeit sozialspychologische Aspekte von Nachhaltigkeit und Klimawandel.

Position im Buch